Den Winter im Hohen Norden mit AIDAcara erleben

Liebe(r) Leser(in),

Norwegen im Sommer, nach Möglichkeit die Mitternachtssonne zu erleben das ist schon toll. Nach Norwegen im Winter mit dem Schiff zu fahren klingt vielleicht im ersten Moment etwas seltsam, ist jedoch absolut genial. Wir starten am 10. Februar in Hamburg mit dem AIDA Mutterschiff, AIDAcara. Wie so oft auf einer Seereise ist der erste Tag ein Seetag. Unser erstes Ziel dieser Reise ist das kleine Hafenstädtchen Haugesund. Es liegt an der Südwestküste Norwegens zwischen Bergen und Stavanger. Bereits zur Wikingerzeit entwickelte sich hier ein bedeutendes Schiffahrts- und Handelszentrum, direkt am Karmsund und dem historischen Nordvegen gelegen, welcher dem heutigen Norwegen den Namen gab. Heute hat Haugesund rund 36 000 Einwohner und ist durch den Fischfang (vor allem Hering) zu Wohlstand gekommen. Auch als kultur- und Festivalstadt hat Haugesund sich einen Namen gemacht. Vom Heringsjazz (Sildajazz), über das Norwegische Filmfestival (Den Norske Filmfestival) bis zum längsten Heringsbuffet der Welt – ein Besuch lohnt sich.

Wir erreichen Haugesund einige Stunden früher als geplant, denn unser Käptn  Tommy Möller gab sehr ordentlich Gas um vor einem Sturmtief den Hafen zu erreichen. Es ist ihm gelungen, herzlichen Dank! Dadurch haben wir eine relativ ruhige Nacht.

AIDAcara

Am Morgen unternehmen wir bei Schneefall und Temperaturen knapp unter 0°C einen Ausflug zum wahrscheinlichen Grab Harald Schönhaars und anschließend fahren wir zum Akrafjord. Zum Mittag erwartet uns ein reichliches Buffet regionaler Spezialitäten. Vom Lachs bis zum süßen braunen Käse – super lecker. Gut gestärkt befahren wir mit einem kleinen Ausflugskutter den Akrafjord bis zum größten Wasserfall der Region, den Langfoss. Der Wasserfall ist teilweise gefroren. Unser Boot pirscht sich an an den Langfoss. Einer unserer Skipper entnimmt etwas vom Heiligtum des Wasserfalls, klarstes Gletscherwasser – für alle!

Zurück zum Schiff fahren wir wieder mit dem Bus, kurzer Stopp noch bei einer Künstlerin welche die alte norwegische Rosenmalerei in ihrem Atelier pflegt.

Gegen 17 Uhr sind alle wieder an Bord und AIDAcara nimmt Kurs auf Bodø. Bis dahin sind es 612 Seemeilen oder 1133,4 Kilometer. Deshalb verbringen wir einen Tag bei herrlichem Sonnenschein auf See und fiebern schon etwas der Überquerung des nördlichen Polarkreises kurz vor Mitternacht entgegen.

Um 23.50 Uhr ist es dann soweit. Das Typhon ertönt und die Gäste vollziehen den symbolischen Sprung über den Polarkreis. Zur Krönung des Abends zeigen sich tatsächlich die ersten noch etwas schwachen Polarlichter. Genial. Wenn mir zu diesem Zeitpunkt jemand gesagt hätte wir würden in sieben darauf folgenden Nächten Polarlichter sehen – ich hätte es nicht geglaubt. Tatsächlich haben wir dann die Grüne Woche wirklich erlebt. Super viel Glück gehabt!

Bodø ist mit 50 000 Einwohnern die größte Stadt der Provinz Nordland. Die Stadt ist mit seinen Verkehrsanbindungen das Tor zum Norden. Erste Zeugnisse von Ansiedlungen reichen rund    10 000 Jahre zurück.

Saltraumen

Wir nutzen den Aufenthalt und fahren mit dem Bus zum stärksten Gezeitenstrom der Welt – der Saltstraumen. Eine 150 Meter breit und 31 Meter tiefe Meeresenge durch welche alle 6 Stunden rund 400 Millionen Kubikmeter Wasser gepresst werden. Das ganze Phänomen wird lediglich durch einen Höhenunterschied von 1 bis 2 Metern ausgelöst. Schon beeindruckend.

Wer Norwegen im Winter besucht macht nichts falsch Schuhspikes  mit sich zu führen. Diese kann man im Rucksack verstauen und hat sie schnell an den Füßen wenn es glatt wird. Das passiert nicht nur hier am Saltraumen, alle Wege waren total vereist, sondern fast überall in Norwegen wird nicht viel gestreut. Übrigens hatte ich mich am Anfang über die hohen Geschwindigkeiten aller Kraftfahrzeuge auf den meist vereisten Straßen gewundert. Dies ist in Norwegen kein Problem. Alle Fahrzeuge fahren ebenfalls mit Spikereifen.

Winter im Hohen Norden

Aber wir haben noch mehr vor. Mit dem Bus fahren wir durch wunderbare, zunehmend tiefer verschneite Fjordlandschaften. An den Rändern und Enden sind die Fjorde zugefroren. Eisangler hinterlassen ihre Spuren. Das Eis ist blutrot.   Weitaus reizvoller sind die zahlreichen Wasserfälle an den Fjordwänden. Diese sind fast alle zu majestätischen oder bizarren Eisskulpturen erstarrt. Grandios. Am Mittag erreichen wir ein Dorf am Fjord und besuchen einen echten Deutschen. Er lebt hier seit vielen Jahren und baut Boote. Es gibt auch etwas zum Mittagessen. Lammfleisch, Pilze, Rosenkohl und Kartoffelbrei. Alles vom Holzteller, dazu Plastikbesteck. Schmeckt gut, besonders lecker ist der Nachtisch, Fladenbrot mit süßem braunen Käse und Sahne.

Nächste Station ist Saltdal. Das Heimatmuseum mit echten alten norwegischen Hütten ist Klasse. Tief verschneit, das offene Feuer lodert und ein Mädchen bäckt das original Fladenbrot. Gern auch zum probieren mit einem Kaffee dazu. Nette Geste und sehr lecker.

Einige Meter weiter besuchen wir noch ein kleines Museum über die Zeit des 2. Weltkrieges. Das ist doch ein etwas spezielles Thema und erfordert eine komplexere Betrachtung. Vielleicht zum schmunzeln und nachdenken: Nach Kriegsende haben sich die Deutschen in Norwegen noch recht wohl gefühlt, wahrscheinlich auch die norwegischen Mädels. Fest steht, das das Wikingerblut ordentlich aufgefrischt wurde. Das Jahr nach Kriegsende bescherte Norwegen den geburtenreichsten Jahrgang mit ca. 10 000 Kindern.

Die Rückfahrt zum Schiff meistern wir mit der Norwegischen Staatsbahn. So können wir die Fahrt am Fjord noch aus anderer Perspektive erleben. Ein erlebnisreicher Tag liegt hinter uns. Der Himmel klart auf und sie zeigen sich tatsächlich wieder, die Polarlichter.

Bis zum nächsten Hafen unserer Reise legt AIDAcara 201 Seemeile zurück, das entspricht 372 Kilometern.

Der nächste Morgen beschert uns einen phantastischen Sonnenaufgang. Wir befinden uns in der Fjordlandschaft und unser Kapitän hält Kurs auf Tromsø. Am Ufer ist tatsächlich auch ein Elch zu sehen, erntet wahrscheinlich etwas leckeres in einem Vorgarten und schreitet dann gemächlich weiter seines Weges. Wir haben auf unserem Weg nach Tromsø noch eine kritische Stelle zu passieren. Eine Brückendurchfahrt. Der Lotse meint es ist noch ein Meter Luft zwischen AIDAcara und der Brücke, für mich sah es sehr eng aus…

Wir erreichen die Eismeerstadt Tromsø planmäßig. Oberhalb des Polarkreises ist Tromsø die größte und bedeutendste Stadt, war und ist der begehrteste Starthafen für Polar Expeditionen. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten findet der Besucher in Tromsø. So zum Beispiel die bekannte Eismeerkathedrale und das Polarmuseum, wo sogar ein Backenzahn von Roald Amundsen zu finden ist.

Eismeerkathedrale

AIDAcara liegt zwei Tage in Tromsø. Eine gute Gelegenheit einen Ausflug am Abend zu unternehmen. Mit dem Bus fahren wir zum Wild Life Center. Kurz vor Abfahrt scheint sich etwas zu ereignen. Alle sind aufgeregt und da sind sie wieder zu sehen, die Polarlichter. So intensiv haben wir sie bis jetzt noch nicht erlebt, Aurora Borealis tanzt für uns ganz wunderbar!

Polarlichter

Im Wild Life Center erwarten uns die Huskys zu nächtlichen Schlittenfahrt. Eisige Kälte, der Himmel klar, rasante Fahrt mit dem zehnspännigem Hundeschlitten und als Krönung tanzen die Polarlichter für uns am Himmel. Nach der Schlittenfahrt haben wir noch Aufenthalt im Camp. Es gibt heiße Getränke und Kuchen. In einem Lowvo, das ist eine traditionelle Behausung der Sami (indigenes Volk im Norden Fennoskandinaviens). Wir erfahren viel interessantes über das Leben der Samen und lauschen dem traditionellen Gesang.

Unser zweiter Tag in Tromsø.  An den Küsten und in den Fjorden ist es nicht ganz so kalt, da der Golfstrom noch bis Tromsø seine Wirkung zeigt. Es ist sonnig und während der Fahrt zum Camp Tamok wird es immer kälter. Vom Camp fahren wir noch ein kleines Stück bis zu einem Tal. Die Rentiere erwarten uns zur Schlittenfahrt. Sonnenschein, minus 21 Grad Celsius. Warme Kleidung dringend erforderlich. Zuerst dürfen wir uns mit den Rentieren vertraut machen. Etwas Futter, Moose und Fleckten, erleichtern die Kontaktaufnahme erheblich. Rentiere werden meist in der freien Natur gehalten. Nur die Samen und der norwegische Staat dürfen dies tun. Einige Tiere werden für touristische Zwecke in großzügigen Gattern gehalten. Zahm werden aber auch diese Tiere nicht. Trotzdem lassen sie sich vor unsere Schlitten spannen. Dann geht sie los unsere Rentier Schlittenfahrt. Ungefähr 40 Minuten waren wir unterwegs. Eine interessante Erfahrung. Bei diesen Temperaturen waren wir aber dann doch ganz froh an das wärmende Lagerfeuer zurückzukehren.

Winter im Hohen Norden

Zurück im Camp Tamok gibt es heiße Rentiersuppe und warme Getränke. Als Dessert wieder der lecker braune, süße Käse. Danach ist noch Zeit das gesamte Camp zu inspizieren bevor wir mit dem Bus zurück zum Schiff fahren. 19.30 Uhr Alle Mann an Bord. AIDAcara macht sich auf den Weg zum nördlichsten Ziel unserer Reise. Noch 129 Seemeilen oder 239 Kilometer bis Alta.

Umrahmt von einer faszinierenden Berglandschaft, an der Mündung einer der bekanntesten Lachsflüsse Norwegens, liegt Alta. Die Hauptstadt der Provinz Finnmark ist auch als Stadt der Nordlichter sehr bekannt. Am Vormittag besuchen wir das Iglo Hotel Sorrisniva. Die Zimmer, Suiten, eine vollständige Kapelle für Trauungen, Eisskulpturen und natürlich eine Bar. Alles wird jedes Jahr aufs neue aus Schnee und Eis erschaffen. Wir genehmigen uns einen leckeren Drink an der Bar, natürlich ist auch das Glas aus Eis. Dieses durfte jeder Gast gern als Souvenir mit nach Hause nehmen.  Das Hotel wird bereits im Mai im Fluß Alta verschwunden sein, bei Einbruch des Winters wird es von nur 7 Leuten in nur 4 Wochen neu entstehen. Natürlich jedes Jahr einzigartig. Toll!

Am Abend (AIDAcara liegt wieder bis zum nächsten Tag an der Pier) haben wir noch eine Polarlicht Tour gebucht. Ich bin skeptisch, ob diese von Erfolg gekrönt sein wird, denn zu allem Überfluss fängt es auch noch an zu schneien.

Paeskatun – Die Heimat des magischen Lichts, klingt vielversprechend. Bei Schneefall startet unser Bus Richtung Polarlichtzentrum. Die Stimmung ist nicht so euphorisch, denn keiner glaubt bei diesem Wetter an Nordlichter. Wir fahren eine halbe Stunde mit dem Bus bis in das nahe gelegene Schieferabbaugebiet. Auch ohne die magischen Lichter lohnt sich der Besuch durchaus. Wir erfahren einiges über die Nordlichter, auch gibt es eine Ausstellung des örtlichen Schieferabbaus. Am offenen Feuer im Sami Zelt, oder im wohlig warmen Ausstellungsgebäude wird uns bei Kaffee und Kuchen die Nacht versüßt. Plötzlich wie aus dem Nichts ertönt das Signal: Polarlichtaktivität! Unglaublich. Damit hatte wohl kaum einer gerechnet. Aber sie tanzt tatsächlich für uns am Himmel, Aurora Borealis . Tief zufrieden kehren wir zurück an Bord von AIDAcara. Zur Überraschung werden wir mit heißer Gulaschsuppe und Tee mit oder ohne Schuß herzlich begrüßt.

Sehr zufrieden fallen wir müde in die Kojen. Es ist schon weit nach Mitternacht. Gerade eingeschlummert werden wir per Kabinendurchsage vom Wachoffizier der Brücke geweckt (das haben alle Passagiere mit der Besatzung vereinbart um nix zu verpassen!): Polarlichtalarm! Es ist ein bisschen wie eine Droge. Wieder rein in die warmen Daunensachen, Kamera und Ersatzakku schnappen und raus an Deck. Es lohnt sich! Die Kamera wird gequält bis die Akkus leer sind (bei der Kälte und dem Aufnahmemodus wird viel Energie benötigt). Noch zufriedener falle ich dann gegen 03 Uhr ins Bett. Einfach nur schön. Gute Nacht!

Am nächsten Morgen wollte AIDAcara Alta gegen 11 Uhr eigentlich verlassen. Leider fehlt noch ein wichtiges Crew Mitglied, sollte per Flieger ankommen. Na mal sehen. Wir genießen an Bord noch Alta bei minus 14 Grad, Sonnenschein und alles in arktisches Blau getaucht. Aus dem Meer steigt bei dieser Kälte der sogenannte Seerauch auf. Gegen 13 Uhr geht es dann los. Am Abend gibt es dann von Bord aus wieder wunderbare Polarlichter, teilweise am gesamten Nachthimmel.

AIDAcara

Vorbei an den Lofoten sind es 312 Seemeilen/ 578 Kilometer bis Sortland. Die sogenannte Blaue Stadt liegt inmitten hunderter Inseln und Schären. Wir besuchen noch einmal das Volk der Samen mit ihren Rentieren. Nachmittags unternehmen wir einen kleinen Stadtbummel um uns einen Eindruck vom BLAU zu verschaffen. Für mich ist es etwas übertrieben…

Flagge der Samen

17.30 Uhr Alle Mann an Bord! Kurs auf Trondheim – 414 Seemeilen – 767 Kilometer bis dahin. Am Abend sehen wir noch einmal, wahrscheinlich zum letzten Mal auf dieser Reise Polarlichter.

Die Etappe bis Trondheim ist doch ganz schön groß, deshalb gibt es auch zur Erholung einen Seetag. Am Vormittag hören und sehen wir einen Vortrag vom Lektor Bernd Kiesewetter (immer eine gute Wahl!) und am Nachmittag gibt es dann auch noch eine Menge Wale zu beobachten.

Am nächsten Tag erreichen wir pünktlich 08.00 Uhr Trondheim. Starker Schneefall sorgt auch an Bord für Winterfreuden. An der Pier wird AIDAcara vom örtlichen Chor herzlich begrüßt. Wir unternehmen einen Ausflug in das Skimuseum. Urige alte norwegische Holzhüttten und historische Wintersportgeräte sind hier zu sehen. Die Wintersportgeräte können im verschneiten Gelände getestet werden. Ein riesen Gaudi! Zwei junge Norweger inszenieren eine Art Parodie und lassen uns die Geschichte der Holzhäusser hautnah erleben. Auch ein kleiner Imbiss gehört dazu. Wir lassen uns Schinken, Fladenbrot, Apfelsinen und heißen Kakao schmecken. Uns hat es sehr gut gefallen. Dann geht es auch schon zurück zum Schiff, denn AIDAcara wird bereits um 14 Uhr Trondheim verlassen.

Die letzte Station dieser wundervollen Winterreise ist Bergen. Auch hier lohnt sich ein Besuch zu jeder Jahreszeit. Der Vorteil im Winter ist sicher die Anzahl der Touristen, viel weniger als im Sommer. Den Vormittag genießen wir in Bergen bei Sonnenschein auf eigene Faust. Am Nachmittag noch eine kleine Rundfahrt mit dem Bus und Besuch in der Eisbar. Ein schöner Abschluß unserer Reise Winter im Hohen Norden.

Auch der letzte Seetag auf dem Weg nach Hamburg ist gut ausgefüllt. Ein Vortrag von Klaus Kiesewetter über Eisbären am Vormittag, oder die Nautische Stunde mit Offizieren der AIDAcara lassen keine Langeweile aufkommen!

Eine wunderbare, zum Teil märchenhafte Winterreise geht nun zu Ende. Sehr gern wieder!

Marek Decker